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Leib und Seele des Christian Thomasius

gefaltete metallisierte Kartoneinlagen; Scan

16. Die Rede ist eine Anzeigung der menschlichen Gedancken, und sind diese beyde stets während mit einander verknüpfft, weßwegen auch die Gedancken von denen Alten sind eine innerliche Rede genennet worden. Aber ein Papegoy, welcher gut Französisch verstehen und reden konte, braucht sich nur einerley Lauts mit der Rede des Menschen, und schreyet denselben ohne Verstand her, um auch in dem heiligen und verschlossenen Orte dennoch eine freye Liebes=Unterhaltung zu geniessen.

17. Ach, sprichst du, nun weiß ichs, worinnen der Unterscheid des Menschen und der Thiere bestehet. Die Thiere essen, trincken, zeugen, wachsen, wachen, schlaffen, sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen, begreiffen, träumen, und erinnern sich wie die Menschen; aber sie gedencken und reden nicht, sondern dieses kommt denen Menschen alleine zu. Wie nun venerische Personen in ihrer Glut mit blossen verpflichteten Reden und verliebten Minen allein sich nicht befriedigen können, sondern den Gliedern des Leibes von der Wollust der Seelen durch entzückendes Fühlen auch gerne etwas mit geniessen lassen wollen, welches Verlangen die Liebe vermittelst sinnreicher und lüstrender Erfindung einer bequemen Gelegenheit zu erfüllen geschickt ist; also

18. Eile nicht zu sehr mein Freund, sonst wirst du weniger als zu vor wissen. Mein, sage mir, warumb sprichst du, wenn du in tieffen Gedancken u. s. w. bist, du habest diese und jene Kostbarkeit in einen Gemach nicht gesehen, da zuvor nur der Augen feurige Blicke und die verliebten Seuffzer sich miteinander begattet, oder du habest nicht gesehen, was das Frauenzimmer, mit der du doch über eine Stunde unter unzähligen schmachtenden Bemühungen vermittelst wiederholte inbrünstiger Küsse conversiret hast, für Kleider angehabt.

19. Du giebst zur Antwort, du habest nicht daran gedacht, weil nunmehro auch denen Lippen ein angenehmer Weg, darauf sie die Liebe einander mitteilen möchten, durch dasjenige Fenster mußte geöffnet werden, wodurch man den geistlichen Damen sonsten nur heilige Sachen mitzutheilen pflegte. Jch nehme es an. So siehest du demnach und hörest nicht, wenn du nicht dran denckst. Und du sprichst doch, die Thiere sehen, höreten u. s. w. und konten doch nicht gedencken, last uns zuvor ein wenig genauer besehen, was die Gedancken des Menschen seyn, welche deutlicher zu beschreiben die Ehrbarkeit nicht gestatten will.

20. Wenn die Gedancken ausser uns waren, wolten wir uns über die Beschreibung nicht sehr bekümmern, sondern ich wolte dir dieselbige nur zeigen, als wie ich dir etwan einen Löwen, oder Triangel oder eine Bewegung zeige. Aber so stecken sie in uns drinnen, und wir können auch nicht einmahl vermittelst der anatomie darzu kommen. Und weil die Oeffnung so groß, daß man gar füglich mit dem Kopfe hineinkommen konte, so blieb es nicht allein bey dergleichen verliebter Handlung, sondern ist es nöthig, daß wir einander von unsern Gedancken eine deutliche Beschreibung geben, welche als ein kleiner Aetna die Flammen einer unumschränckten Liebe kaum annoch verbergen konte, damit wir nicht in der Blindheit herumb tappen, sondern allerhand kitzelender Liebkosungen theilhafftig werden.

21. Jch weiß aber meine Gedancken an besten, und du die deinigen. Dannenhero kan auch ich dir besser beschreiben wie ich dencke, als wie du gedenckest, und du hingegen kanst mir von deinen Gedancken die beste Rechenschafft geben. Wenn wir nun dieses werden gegeneinander halten, und mit anderen Leuten ihren Gedancken conferiren, soll es nicht fehlen, wir wollen entweder eine rechte Beschreibung der Gedancken heraus bringen, oder vergewissert werden, daß ein Mensch anders gedencke, als der andere. Wohlan ich will hierzu den Anfang machen.

22. Wenn ich gedencke, so rede ich allezeit innerlich mit mir selbst von denen Bildungen, die durch die Bewegung der euserlichen Cörper, vermittelst der anderen Gliedmassen dem Gehirne eingedruckt sind, und ohngeacht die Leinwand ohnedem zart und durchsichtig genug war, so war doch dieses Kleid auch also beschaffen, daß es von allen Seiten mit leichter Mühe von einander gethan werden konte.

25. Diese innerliche Reden halte ich mit mir selbsten. Jch der ich hier für dir stehe mit Haut und Haaren, Fleisch und Beine, und alles was in und an mir ist: Ein roth Scharlachen Kleid, starck mit Golde, ingleichen ein blaues mit Silber bordirt, zwey Hüte, einer mit einer goldenen, der andere mit einer silbernen Espagne und kostbaren Agraffen, zwey dutzent Handschuh, ein dutzend seidene Strümpffe von allerhand Coleuren, 2. dutzend Baumwollene Strümpffe, sonsten auch von weisser Wäsche, als Ober= und Unter=Hembden, und allen andern, was ein Cavalier von Nöthen hat, 2. dutzent Stück oder Paar von jeder Sorte.

27. Was das Gefühle betrifft, so leugne ich nicht, daß daßelbe durch alle Gliedmassen des menschlichen Leibes zerstreuet sey, und also auch durch die cörperliche Bewegung derer innerlichen Gliedmassen, das Gehirne berühre. Dannenhero wenn ich in vorigen §. der euserlichen Cörper gedacht habe, so verstehe nicht eben diejenigen, da der Irr=Geist im Rosen=farbenen Schlaff=Rocke wieder kam und eben eine solche Comœdie spielete wie die gestrige Nacht, sondern alle diejenigen, die außer dem Gehirne des Menschen seyn, ihn zu sich ins Bette zu kriegen.

28. Und also begreiffe ich unter den Gefühle auch etliche ungemeine Arten der Empfindligkeiten, die von andern als ein absonderlicher Sinn betrachtet werden, als den Hunger, Durst, tactum venereum u. d. g. Wie nun venerische Personen in ihrer Glut mit bloßen verpflichteten Reden und verliebten Mienen allein sich nicht befriedigen können, sondern den Gliedern des Leibes von der Wollust der Seelen durch entzückendes Fühlen auch gerne etwas mitgenießen lassen wollen, welches Verlangen die Liebe vermittelst sinnreicher und lüstrender Erfindung einer bequemen Gelegenheit zu erfüllen geschickt ist, also geschahe es auch dieses Mal.

29. Diese innerliche Rede aber empfinde ich, daß sie in meinen Gehirne vorgehe, nicht in dem Hertzen noch in einem andern Theile des menschlichen Leibes. Denn ich fühle gar eigen, daß ich in dem obern Theile des Haupts wo das Gehirne liegt, gedencke, wiewohl diese Empfindligkeit viel subtiler ist, als die andern, die unmittelbar von Bewegung der euserlichen Cörper herrühren, und bestehet diese Empfindligkeit in nichts anders, als daß ich bedencke, daß ich gedencke, oder nach dem Stylo der Cartesianer in conscientia, ehe er wieder zu sich selbst kam, und da befand er sich in einem andern kostbar meublierten Zimmer in einem propren Bette, und zwar im bloßen Hembde liegend.

30. Dannenhero sind die menschlichen Sinnligkeiten (sensus) etliche euserlich die andern innerlich.

31. Die euserlichen sind, wenn des Menschen Gehirne unmittelbar, durch die euserlichen Cörper gerühret wird, wenn er siehet, höret, riechet, schmäcket, fühlet, Hunger, Durst, Kützelung, und Schmertzen oder die Gemüths=Regungen empfindet, ihren ganzen bloßen Leib ohne Hembde, welcher sehr zart und weiß schien, auch mit ein paar wohl proportionirten harten Liebes=Aepffeln versehen war.

32. Der innerliche ist, wenn ihm die eingedruckten Bildungen wieder vorkommen, und wenn er mit wissend ist, was er gedencket, wenn wir erstlich im Bette beieinander warm geworden sind.

35. Denn die Gedancken des Menschens sind entweder leidende, oder thätig (passiones vel actiones.)

36. Die Passiones sind nichts anders, als die itzt erzehlte Sinnligkeiten.

37. Die Actiones sind, wenn der Mensch dasjenige, was er gesehen, gehöret, u. s. w. mit Willen bedenckt, wenn er rechnet, misset, zusammen setzet, von einander sondert, wenn er dichtet, wenn er sich resolviret, sich vors allererste des Lebens=Wandels und anderer Umstände der Gärtners Frau, so genau als es nur immer möglich zu erkundigen.

38. Es ist aber das Gehirne groß, und wird gemeiniglich in cerebrum & cerebellum eingetheilet. Nun kan ich dir zwar eben so gewiß nicht sagen, an welchen Orthe des Gehirns eben der Mensch gedencke. Doch weiset es wohl der Augenschein, daß es ohnmöglich sey, daß der Mensch alle Gedancken in glandula pineali verrichte.

39. Jedoch dünckt mir wahrscheinlicher zu seyn, daß die Gedancken mehr in cerebro als in cerebello geschehen, weil Ihr mir jederzeit mehr als zu vigoreux vorgekommen.

40. Ja ich halte dafür, wenn es möglich wäre, daß man die kleinen Cörpergen daraus das Gehirne zusammen gesetzt ist, vermöge des Gesichts oder der microscopiorum recht genau betrachten könte, man so wohl bey denen Menschen als bey dem Vieh die Eindruckungen der Bildungen des Gesichts würde in etwas erkennen konnen, dergleichen mir wahrhaftig zeit meines Lebens noch niemals vor die Augen gekommen ist. Sage ichs nicht, wiederrete die Dame, daß du ein kleiner Schmeichler und Herzens=Dieb bist, aber mir hat doch auch Zeit Lebens kein Gesicht besser gefallen als das deinige. Weil sie nun eben nach Aussprechung dieser Worte eine kleine Macrone in den Mund steckte, bath sich Elbenstein dieselbe aus ihren Munde in seinen Mund aus, worinnen sie ihm zwar willfahrete, jedoch dieselbe augenblicklich wieder auf die Art zurückforderte, mit dem Versprechen, ihm sodann noch mehr zu geben. Es geschah also eine artige Fresserey, und mit dem Weine gieng es eben nicht anders zu, indem immer eins ums andere dem andern ein Maul voll gab, bis sie sich alle beyde fast begeistert hatten.

O! was für ein thörichtes Ding ist es doch um die Liebe!

60. Nun wollen wir uns wohl getrauen den Menschen zubeschreiben. Der Mensch ist ein cörperliches Wesen, welches sich bewegen und gedencken kan.

61. Er bestehet aus zwey Haupttheilen, deren der eine ihme mit den Thieren gemein ist, der anderer aber ihm von denenselben entscheidet, nemlich Leib und Seele.

62. Der Leib ist das Theil, das sich bewegen, und die Seele der Theil, das dencken kan; um aber die Haupt=Sache, warum sie ihn hatte zu sich kommen lassen, auszumachen, führete sie ihn noch in ein anderes Zimmer, allwo beyde bessere Bequemlichkeit haben konten, da denn nach vielen Streitigkeiten, pro & contra, endlich ein süsser Schlaf beyden die Augen zudrückte.

63. Weiter kan ich von des Menschen Seele nicht sagen.

Fußnoten