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Prosperity (Allegoric Overhang)

bathycolpous graces
(Copyright holder unknown.)

Da die Renaissance sich auf dem Welthandel aufbaute und das Zeitalter der Entdeckungen inaugurierte, entriß sie den Menschen dem Jenseits, dessen Eigentum er bisher gewesen war, und machte ihn sich selbst zu eigen: jeder wurde entweder als Käufer oder als Verkäufer ein wertvolles Objekt ihres Interesses. Damit entstanden ein vollständig neuer Adam und eine vollständig neue Eva.

Das Schönheitsideal einer jeden Zeit ist abhängig vom Grundcharakter der betreffenden Zeit. Aber die fortgeschrittene Erkenntnis hat uns auch auf diesem Gebiete einen Maßstab geschaffen, an dem wir die verschiednen Schönheitsbegriffe in Vergleich zueinander stellen und gegeneinander abwägen können, einen Maßstab, der uns die Linie der Entwicklung finden und uns erkennen läßt, ob diese nach oben oder nach unten geht, geradeaus oder seitwärts abbiegt. Dieser Maßstab ist das Gesunde, das Natürliche in der Pointierung dessen, was als schön gilt. Das Natürliche ist gleichbedeutend mit der sogenannten Zweckschönheit, die wiederum vom Rassencharakter abhängig ist. Auf die sich hier nun ergebende Frage, was dem Wesen der Zweckschönheit entsprechend als schön und darum als natürlich anzusehen sei, ist zu antworten: das prinzipielle Streben nach den Polen des Männlichen und des Weiblichen. Die möglichst klare Herausarbeitung der physiologischen Eigentümlichkeiten, die den Mann von der Frau, die Frau vom Manne unterscheiden; das kategorische Ausmerzen des Weibischen aus dem Männlichen und wiederum umgekehrt. Oder kurz gesagt: die deutlichste Ausprägung des Geschlechtscharakters bei Mann und Frau gilt als Vollkommenheit. Man sieht: diese Auffassung des Körperlichen ist durchaus sinnlich, denn Zweckschönheit ist niemals etwas anderes als erotische Schönheit.

In diesem Sinne hat die Zweckschönheit in der Renaissance gesiegt, und zwar im ausgesprochensten Maße, weil es sich um eine revolutionäre Zeit handelte. Denn schöpferische Zeitalter sind nicht nur immer gesund, sondern in ihnen strotzt alles förmlich von Gesundheit. Der Mann gilt als vollkommen, also als schön, wenn ihn die physischen Merkmale auszeichnen, die seiner geschlechtlichen Aktivität entsprechen: Kraft und Energie. Die Frau gilt als schön, wenn sie zu dem ihr von der Natur zugewiesenen Mutterberuf körperlich am vorteilhaftesten ausgestattet ist. Obenan steht der Busen, die Nährquelle des Lebens. Da jede revolutionäre Zeit in ihrem großen Schöpferdrange stets über das Normale hinausgeht, so begnügt sie sich nicht mit der Entwicklung einer Normalfigur, sondern sie übertreibt immer das Wesentliche. Bei den Frauen liebt man die großen Formen, die über das Zierliche und Niedliche hinausgehen, sie sollen Venus und Juno zugleich sein. Die Frau, deren Mieder von strotzendem Reichtum kündet, steht am höchsten im Wert, drum prahlt auch schon die Jungfrau mit stattlichen Brüsten. Im Anschluß an ein Liebesabenteuer, das Brantôme von einer majestätisch gebauten Frau erzählt, schreibt er: Deshalb vedienen die stattlichen Frauen den Vorzug, wäre es auch nur wegen ihrer Grazie und Majestät.

Eduard Fuchs: Illustrierte Sittengeschichte, Bd 1

(Naturally, we should assess the splendid charms of expanding markets in the archives of present-time cultural studies, too.)